Ferdinand Ulrichs Geburt und Taufe vor 95 Jahren
Dieses Jahr hätte Ferdinand Ulrich seinen 95. Geburtstag gefeiert. Am 23. Februar 1931 wurde er in Odrau geboren. Knappe zwei Wochen später wurde er getauft. Mit Ulrichs Biografie beschäftigt sich Christoph Sperling und teilt anlässlich des heutigen Tauftags Ulrichs seine Erkenntnisse.
Landgräfin Charlotte zu Fürstenberg (1787 – 1864) war eine Hofdame der Wiener Kaiserin Elisabeth. Ihr Zweitwohnsitz war das 1964 leider abgebrannte Schloß Odrau. In dem von dieser Landgräfin im Jahr 1855 in Odrau gestifteten Krankenhaus kam vor 95 Jahren Ferdinand Ulrich zur Welt. Im Stiftungsbrief von 1857 heißt es: „Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, des Vaters, des Sohnes, und des heiligen Geistes. Amen. Um meinen gewesenen Unterthanen, den Einwohnern der Stadt Odrau und Umgebung, ein bleibendes Andenken meiner mütterlichen Sorgfalt zu hinterlassen und den hilflosen, von Krankheit heimgesuchten Bewohnern der Umgegend von Odrau die Wohlthat einer sorgsamen, in echt christlicher Liebe geübten Krankenpflege zu bieten, und so für ihr leibliches und geistiges Wohl nach Kräften auch für die Zukunft gesorgt zu haben, wenn mich der Herr ins bessere Jenseits abberuft, habe ich mit der Gnade Gottes nach reiflicher Überlegung in der erwähnten Absicht und vorzüglich um ein Gott wohlgefälliges und seiner heiligen Kirche nützliches Werk zu begründen, beschlossen, in der Stadt Odrau eine Krankenanstalt zu errichten und zu dotieren.“[1]


Fotos: Auszug aus dem Geburts- und Taufbuch der Stadt Odrau,
Landesarchiv in Opava (Zemský archiv v Opavě).
Ferdinand Ulrich wurde am 8. März 1931 getauft, laut Aktenlage auch in Odrau. Wir dürfen vermuten, daß die Taufe in der Kapelle des von Landgräfin Charlotte von Fürstenberg gegründeten Krankenhauses gespendet wurde. Die Geburt war für die Mutter sehr schwer gewesen. Außerdem war noch Winter mit tiefem Schnee. Vielleicht erklärt es sich so, daß die Taufe des kleinen Ferdinand nicht in Fulnek, sondern in Odrau gespendet wurde.
Dank der Vermittlung von Herrn František Holub (Nový Jičín/ Neutitschein) sowie der von Herrn Dr. Martin Vitko (Státní okresní archiv Nový Jičín) konnte die Standesbeamtin Kateřina Kelnarová aus Odry/Odrau uns kürzlich Fotos des Geburts- / Taufeintrages von Ferdinand Ulrich zukommen lassen. Diese stammen aus dem Standesbuch, das im Stadtamt in Odry aufbewahrt wird.[2] Somit haben wir nun auch Kenntnis von Ulrichs Taufpaten. Diese waren der Großvater mütterlicherseits Georg Brosch (1876 – 1940) und die zweite Frau seines Großvaters Ferdinand Ulrich, Anna Ulrich [geb. Ehler] (1886 – ??)[3].
Wichtiger als alle äußeren Daten ist aber für uns, was Ferdinand Ulrich selbst über seine Geburt berichtet. Um das Jahr 1990 herum wurde ihm geschenkt, im Gebet sein Geborenwerden neu zu erfahren.
Im Buch „LIEBE UMSONST“[4] (Brixen, 2. Auflage, 2024, S. 12f) wird dies so wiedergegeben:
„Der Pilger wurde am 23.2.1931 geboren in Odrau, einem kleinen Ort in der Nähe von Fulnek [in Mähren]. Odrau – das kommt von Au an der Oder.“ Dort befand sich ein Krankenhaus. Der Arzt hatte schon vorausgesehen, daß es eine sehr schwere Geburt und ärztlicher Beistand notwendig werden würde. Die Mutter erzählte später, wie der Arzt nach der Geburt zum Säugling sagte: „Du Kerl, du, wie hast du jetzt deine Mutter gequält!“ Der Säugling war von Gewicht und Konstitution „ein sehr stabiles Wesen“, „aber vielleicht auch einer, der diesen Schoß nicht gern verlassen wollte“. Es war ein strenger Wintertag, mit noch sehr hohem Schnee. Der Vater[5] freute sich sehr über die Geburt seines Sohnes, der sein einziges Kind bleiben sollte. Nach etwa einer Woche kam die Mutter nach Hause, nach Fulnek[6], wo Ferdinand dann bis zum Ende des Krieges lebte. Es war eine wunderschöne, paradiesische Jugend. „Meine Kindheit ist wie ein schöner großer Tag, obwohl ich auch viel gelitten habe.“
„Um das Jahr 1990 herum hatte ich eine Zeit des Betens – das hat mir der Herr geschenkt –, in der ich wie nie zuvor in meinem Leben immer wieder im Gebet zurückgekommen bin auf meine Geburt, ohne daß ich das angestrebt oder intendiert hätte… Ganz von selbst bin ich in meinem Geborenwerden gewesen und zwar physisch spürbar… Das war ein paar Jahre so, da bin ich immer wieder in meine Geburt zurück, in den Tag, wo ich das sogenannte Licht der Welt erblickt hab… Das habe ich so tief erlebt, wie ich da in einer Art Todeskampf, in einem Ausgesetzt-Sein, einer tiefen Verwundung, in einem Trauma aus dem Mutterschoß herausgekommen bin wie aus einem schwarzen Tunnel, und dann mein erster unter Anführungszeichen ‚Gedanke‘ war – reflektierend habe ich nichts gedacht, aber in einer ganz tiefen Bewußtheit habe ich etwas ganz Schreckliches erlebt –: daß ich irgendwie spürte: ich leb; [ich] bin ganz tief in mich hineingegangen wie auf den Grund meiner Existenz und hab mich wie einer, der einen Schatz bewacht, über mein eigenes Leben gebeugt und hab es festgehalten.“ Und – ohne Worte – gedacht: „Das nimmt mir niemand mehr. Das ist mein Leben. Und dorthin kommt niemand… Das war wie auf dem Grund eines Sees, wo ich mich als der Wächter und Besitzer, Inhaber und Verwalter und Herr meines eigenen Lebens über mich gebeugt habe und zwar gegen die Angst, die ich gespürt habe in diesem Augenblick, eine furchtbare Angst, daß mir das, was ich jetzt da habe und wozu ich jetzt gekommen bin, genommen wird, daß ich das hergeben muß. Und gegen diese Angst habe ich mich auf mich selber zurückgebeugt und gespürt in meiner Seele, daß ich etwas Verkehrtes tue. Das war meine erste Sünde. Das habe ich jahrelang immer wieder erlebt im Gebet, diesen Augenblick, wo ich mein Leben an mich reiße, wo ich das Sein als Gabe festhalte…
Das war meine Geburt. In Sünde hat mich meine Mutter empfangen[7] und in Sünde mich geboren, und ich mich selber auch in Sünde empfangen und angenommen. Da tief innen ist, was dann später in diesen Regionen der Reflexion Substantiierung des Seins heißt, wirklich geschehen. Das ist die Sünde, das Festhalten, das Nicht-Glauben: Da ist mir etwas umsonst geschenkt, das ist in mir und bei mir, mir übereignet, in mich hinein verendlicht aus Liebe; Gott hat mir das aus unendlicher Liebe geschenkt und mir ein unbedingtes Ja in Fleisch und Blut eingesenkt, das Ja seiner treuen Liebe.“ Und dann: „Wenn ich das nicht halte, dann kann mir das möglicherweise noch einmal genommen werden, das kann ich vielleicht verlieren. Das sichere ich jetzt ab. Da beuge ich mich wie ein Räuber über seinen geraubten Schatz. Genau das Gegenteil vom Herrn: ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, – nicht wie einen Raub erachtete er, hielt er das Gleichsein mit Gott: ἁρπαγμὸν – wie einen Raub, ja, das war meine Sünde [vgl. Phil 2, 6]. Und so ist dieses kleine Würmchen da zur Welt gekommen: in Sünde – ins Leben und im selben Augenblick in den Tod.“[8]
Mögen uns diese tiefen Erfahrungen auf unserem persönlichen Weg der Umkehr helfen, gerade in dieser Fastenzeit.
Pfarrer Christoph Sperling,
am Tauftag von Ferdinand Ulrich
[1] https://www.kuhlaendchen.de/media/bilder/hk-odrau/SchlossOdrau.pdf
[2] Vgl. Zemský archiv v Opavě, signatura Od I 43 (aufbewahrt im Stadtamt Odry).
[3] Vgl. Christoph Sperling, LIEBE UMSONST, Brixen, 2. Auflage 2024, 16f.
[4] Ebd., 12f.
[5] Mutter Adele Ulrich, geb. Brosch, *16.3.1906, †17.1.1975; Vater Ferdinand Ulrich, *6.10.1894, †21.11.1947. Sie heirateten am 8.10.1929 in Neutitschein.
[6] Die Stadt Fulnek im Kuhländchen war eine Stadt der Krippenbauer. Vgl. Alte Heimat. Kuhländchen, Wiesenbach, 1976, 412ff; 1983, 505ff; 2002, 578; 2006, 578; Fridolin Scholz, Kuhländchen, unvergessene Heimat, Leer 1998, 203. Es scheint uns beachtenswert, daß Ulrichs letzter Text, Virginitas foecunda, eine Krippenmeditation ist.
[7] Vgl. Psalm 50 (51), 7.
[8] Vgl. Ferdinand Ulrich, Virginitas foecunda, 20.

Odrau – Fürstenbergisches Krankenstift, Foto aus den 1930er Jahren, Quelle: © Muzeum Oderska, Odry, http://www.muzeumoderska.cz/


