Die Aussiedlung Ferdinand Ulrichs und sein ältestes schriftliches Zeugnis
Vor genau 80 Jahren wurde Ferdinand Ulrich und seine Mutter Adele aus ihrer Heimat in Mähren ausgesiedelt. Christoph Sperling fand auf den Spuren von Ulrichs Kindheit das wohl älteste schriftliche Zeugnis von ihm und teilt hier seine Erkenntnisse.
Das älteste bis heute erhaltene schriftliche Zeugnis von Ferdinand Ulrich ist eine Unterschrift, die er vor genau 80 Jahren, am 26. April 1946, leisten musste, um den (wohl angeblichen) Empfang von eintausend Reichsmark zu quittieren, bevor er mit seiner Mutter und vielen anderen in einem Zug aus Mähren nach Bayern abtransportiert wurde.

Ich danke Frau Lenka Chobotová vom Staatliches Bezirksarchiv Nový Jičín, dass Sie behilflich war, diese Unterlagen zu finden.


Im Transport vom 26. April 1946 befanden sich:
- 245 Männer
- 580 Frauen
- 17 Kinder bis zum Alter von einem Jahr
- 61 Kinder bis zum Alter von drei Jahren
- 107 Kinder bis zum Alter von sechs Jahren
- 92 Jungen bis zum Alter von 14 Jahren
- 98 Mädchen bis zum Alter von 14 Jahren

Dazu ein Auszug aus dem Buch „LIEBE UMSONST“ [1] mit Ergänzungen in eckigen Klammern:
Im Jahr 1946 wurde Ferdinand mit seiner Mutter aus der Heimat ausgesiedelt. Zunächst kamen sie nach Neutitschein ins Lager: Ferdinand zusammen mit alten Männern und anderen Jungen, die Mutter ins Frauenlager. Der Aufenthalt dort dauerte mindestens vier oder fünf Winterwochen. [Ulrich wußte es nicht mehr genau. Wahrscheinlich dauerte es wesentlich länger.] Nachts kamen Tausende von Wanzen [und Flöhe und Läuse] in die Schlafräume. [In den Baracken mußten jeweils etwa 25 Leute in einem kleinen Raum auf mehrstöckigen Militärbetten und auf dem Fußboden schlafen.] Die Lagerleiterin [namens Repper] war die kommunistische Putzfrau der Schule, in die Ferdinand gegangen war; sie begrüßte ihn als «ihren besten Schüler» und schenkte ihm vierzig Semmeln. Man vegetierte dort «wie ein Tier» und «wie in einem Delirium »: «Ich kann mich nicht erinnern, daß ich gebetet habe… Man reagiert irgendwie instinktiv…»
Nach der Arbeit in einem Steinbruch wurde Ferdinand eingeteilt, das den ausgesiedelten Deutschen weggenommene letzte Hab und Gut zu sortieren. Seine Gesundheit verschlechterte sich. Er bekam eine Art Paratyphus und eine Hepatitis.
Schließlich kamen Frau Ulrich und ihr Sohn selbst auf einen sogenannten Transport und wurden im Viehwagen nach Deutschland gebracht. In Neutitschein gab die Putzfrau-Lagerleiterin ihrem «besten Schüler» noch einen Sack mit hundertfünfzig Semmeln zum Verteilen mit. Ein einziger Kübel pro Waggon stand für die Fäkalien zur Verfügung. Unterwegs versuchte man, ihn durch die Gitter hindurch nach außen zu leeren. In Prag wurde ein Behälter mit Wasser zum Trinken zur Verfügung gestellt. [In einer Ecke kauerte ein 21jähriges Mädchen, das nach zig Vergewaltigungen den Verstand verloren hatte.] Weil es kurz vor der Abreise verdorbenes Grießmus gegeben hatte, lagen fast in jedem Waggon Tote, vor allem kleine Kinder und Alte. Ulrich saß in der Nähe des Gitters. [ «Und in meinem Waggon – furchtbar! – eine alte Frau (ich sehe sie noch da liegen), die war im Todeskampf die ganzen Tage. Die hat furchtbare Bauchkrämpfe gehabt. Und eine ehemalige Krankenschwester hat immer – kein Medikament war zu Verfügung – ganz leicht den Bauch massiert, um ihr die Schmerzen zu lindern. Sie hat immer fruchtbar gewinselt und gestöhnt.» Bei einem Halt in Hof wurden die Waggons zum ersten Mal geöffnet, und die Leichen wurden abtransportiert.]

Eines Nachts hörte er die Stimme eines alten Mannes: «Jetzt sind wir in Regensburg.» Nach drei Tagen erreichte der Transport Mettenheim bei Mühldorf am Inn, wo die Vertriebenen in einer zerschossenen Flugzeughalle untergebracht wurden.
Pfarrer Christoph Sperling,
am Tag der Aussiedlung Ferdinand Ulrichs aus seiner Heimat
[1] Christoph Sperling, LIEBE UMSONST. Biographische Skizzen zu Ferdinand Ulrich, 2. Auflage, Brixen 2024, 35f.
Fotos: Fotos von Christoph Sperling, Bildrechte: Staatliches Bezirksarchiv Nový Jičín (Státní okresní archiv Nový Jičín), Bestand: Bezirksnationalkomitee Nový Jičín (Okresní národní výbor Nový Jičín), Karton: 288, Inventarnummer: 305.

Ulrichs Kennkarte von 1946 nach seiner Ankunft in Mühldorf am Inn, Quelle: Digitales Archiv im Ferdinand-Ulrich-Archiv


