Zum 95. Geburtstag: Ein Leben in der Einheit von Leben und Tod

|
Aktuelles | Andrea Schwemmer

Leben und Tod, Sich-Empfangen und Sich-Loslassen – für Ferdinand Ulrich war dies nicht nur Gegenstand seiner philosophischen Überlegungen, es prägte sein Denken und Leben und Beten. Heute wäre er 95 Jahre alt geworden.

Ferdinand Ulrich dachte viel über das Geheimnis von Leben und Tod nach. 1969 veröffentlichte er beispielsweise eine „Philosophische Meditation über die Einheit von Leben und Tod“[1], die er später in seinem Buch „Leben in der Einheit von Leben und Tod“ weiter ausarbeitete. Diese Schrift sei „von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Philosophie Ulrichs“[2] und für „viele auch für Balthasar, das ergreifendste Werk aus der Feder des Pilgers“[3]. Hans Urs von Balthasar schrieb in einem Brief an Ulrich vom 4. Juli 1980: „Lieber Freund, erst jetzt lese ich Ihr Leben-Tod-Buch wirklich gründlich und bin davon restlos gefesselt. Hätte ich es früher getan, ich hätte weniger Oberflächliches geschrieben. Aber an Ihnen erkenne ich immer wieder meine eigenen Grenzen.“[4] Dieses „Leben-Tod-Buch“ ist „eine philosophische Auslegung von Jesu Wort vom Weizenkorn (Joh 12,24-26), das sich fallen lassen, sterben und begraben werden muss, um sich mitteilen, um überhaupt leben und Frucht bringen zu können. Dieses Sterben ‚aus Liebe‘, das Sich-Loslassen um Jesu willen war schon lange ein Teil von Ulrichs Leben gewesen.“[5] Manuel Schlögl beschreibt vor allem die Jahre nach seiner Emeritierung als eine Zeit, „in der Ulrich die ‚Seinsfrage‘ nun nicht mehr intellektuell, sondern existenziell zu beantworten suchte, ‚in Fleisch und Blut‘, wie er häufig sagte.“[6]

Anlässlich des 95. Geburtstages hier ein kurzer Ausschnitt aus dem Buch „Leben in der Einheit von Leben und Tod“, in dem Ulrich tief über die Geburt als „Tod“ nachdenkt:

„Jede leibliche Geburt hinterläßt, wie die Tiefenpsychologie uns anschaulich gezeigt hat, ein mehr oder weniger tief sitzendes Trauma, eine Verwundung, der die Erfahrung der Trennung, der Todesangst zugrundeliegt. Denn die Geburt ist ein Riß; ein Heraustreten des Kindes aus der Geborgenheit, der urbildlichen Einheit mit der Mutter; ein Weg zum Selbstsein, Prozeß der Individuation. Dieser Riß gleicht einer Vernichtung. Das im Leben der Mutter kreisende Leben des Kindes wird aufgebrochen, ‚ausgesetzt‘. Es trennt sich vom Ursprung. Die Atmung verselbständigt sich, d.h. Innen und Außen treten hervor; Einatmen ‚und‘ Ausatmen, Nehmen ‚und‘ Geben implizieren als solche eine Trennung, in die das Kind mit dem Geburts- und Todesschrei sich einläßt und eingelassen wird. Der Blutkreislauf stellt sich um. Die Nabelschnur ist endgültig durchschnitten und die aufgenommene Nahrung, die der ‚getrennte‘ Andere gibt, verdaut und wieder ausgeschieden, ins Andere abgesetzt, das ‚Nicht-ich‘ ist. Das Kind ist dem nährenden, tragenden Uterus der Mutter entwachsen. In der Fruchtblase war es gewissermaßen der Schwerkraft der Erde durch den Auftrieb des Wassers, zumindest gemildert, enthoben. Durch die Geburt beginnt aber schon die erste ‚Rückkehr‘ zu ihr. Das Kind geht zu-‚grunde‘, kommt auf den Boden (wenngleich nicht unmittelbar zur Erde). Ein Abstieg ins ‚Tal‘ bricht auf, der das Sich-aufrichten ermöglicht, Halt und Stand gewähren wird. Das plastische, nachgiebige Element des Wassers weicht der Härte des Gegenständlichen, des Unausweichlichen und Bestimmten, den Kanten, Ecken der widerständigen Welt. Ein neuer Uterus, der ‚soziale Uterus‘ (Portmann), der ‚uterus spiritualis familiae‘ (Thomas v. Aquin) umfängt das junge Leben und schenkt ihm, durch die Trennung hindurch, ein gewandeltes, tieferes, weil in sich gründendes vis-a-vis. Kind und Eltern blicken einander in die Augen.
Dadurch, daß die Mutter das Kind gebiert, sich von ihm trennt, bezeugt sie, daß die Frucht ihres Schoßes nicht nur ihr selbst, sondern zugleich einem Anderen, ihrem Mann, dem Vater des Kindes verdankt ist. Weil ein Anderer in dem mitspricht, was aus ihr hervorgeht, wird nicht nur das Kind, sondern auch die Mutter ihrer Endlichkeit überführt. Ein möglicherweise sich selbst genügendes ‚Ich‘ stirbt!
Und weil dem Mann (als Vater) das Kind vom Anderen her entgegenkommt, so hat er ebenso die Wahrheit zu verantworten, daß das Kind nicht eine bloße Verlängerung seines Selbst, sondern (auch von ihm) ‚empfangene‘ Gabe ist. Was er schenkte, war einem Du übereignet worden, hat sich dessen Leben als Gabe einverwandelt und muß sich, da der Empfangende die Frucht nicht (sich selbst genügend) aus den eigenen Tiefen hervorgehen lassen kann, nochmals von ihm trennen. Die Frau ist durch ein Empfangen-haben hindurch fruchtbar geworden und die Freigabe des Kindes in der Geburt, seine Trennung und Entäußerung ins Selbstsein hinein bekunden eben dies. Die Zweiheit im Akt der Zeugung: wird im Akt der Trennung von Mutter und Kind ausdrücklich.“[7]


[1] Ulrich, Ferdinand: Philosophische Meditationen über die Einheit von Leben und Tod, in: Arzt und Christ, Jg. 15/1969, S. 166-197.
[2] Einleitung von Martin Bieler und Stefan Oster zu Ulrich, Ferdinand: Leben in der Einheit von Leben und Tod, Freiburg 1999, S. XXII.
[3] Schlögl, Manuel: Denker und Pilger. Zum 90. Geburtstag von Ferdinand Ulrich (1931-2020), in: Klerusblatt Bd. 2/2021, S. 49.
[4] Die Korrespondenz ist im Ferdinand-Ulrich-Archiv einsehbar.
[5] Schlögl, Manuel: Denker und Pilger. Zum 90. Geburtstag von Ferdinand Ulrich (1931-2020), in: Klerusblatt Bd. 2/2021, S. 49.
[6] Ebd.
[7] Ulrich, Ferdinand: Leben in der Einheit von Leben und Tod, Freiburg 1999, S. 80f.

Ulrich in Zürich 1970, Digitales Archiv im Ferdinand-Ulrich-Archiv