Martin Brüske zur Ulrich-Forschung

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Ulrich-Forschung | Andrea Schwemmer

In der Reihe zur Forschung über Ferdinand Ulrich kommen verschiedene Personen zu Wort, die sich mit Ulrichs Denken auseinandersetzen. Sie teilen hier unter anderem ihre Einschätzung zur Bedeutung seines Werkes, zu möglichen Schwerpunkten und Desideraten in der Forschung.

Dr. theol. Martin Brüske, geb. 1964, ist ein deutscher Theologe. Als Student hörte er Ferdinand Ulrich an der Hochschule für Philosophie in München. Nach einer langjährigen Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz unterrichtete er von 2020 bis 2025 Ethik am TDS Aarau. Er ist freier Publizist und Mitbegründer der Initiative Neuer Anfang.

Im Folgenden die Antworten von Martin Brüske:

Ich gehe mit dem Fragenkatalog vielleicht etwas freier um, hoffe aber alles „drin“ zu haben.

Welche Bedeutung messen Sie dem Werk von Ferdinand Ulrich zu?
Als ich 1988 nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Jerusalem zur Fortsetzung meines Theologiestudiums nach München ging, habe ich mich auch an der Hochschule für Philosophie SJ eingeschrieben. Rasch war der Nachmittag des Freitags für mich der Höhepunkt der Woche. 14-16h Splett, 16-19h Ferdinand Ulrich. Ein ungeheurer Eindruck! Ulrich war für mich wirklich ein christlicher Sokrates. Er sprach völlig einfach. Anschaulich. Mit vielen Beispielen. Er umkreiste immer wieder zentrale Gedanken. Sein als Liebe. Gabe. Umsonst…. In seinem riesigen Understatement konnte man ihn für einen „Narren“ halten (aber wenn, dann war er es „in Christo“). Aber ab und zu brach es in der Intensität des Vortrags aus ihm heraus. Dann zitierte er auswendig ganze Passagen aus Augustinus, Thomas, Eckehart – aber auch Hegel, Marx, Nietzsche, Kierkegaard. Und natürlich so, dass blitzartig grosse Zusammenhänge deutlich wurden. Dann merkte man, was man da auch in einem normalen „akademischen“ Verständnis vor sich hatte: Einen Riesengeist!

Wie haben Sie persönlich den Zugang zu Ulrichs Werk gefunden?
Mein eigener Zugang zum metaphysischen Nachdenken hat sich – in der Gestalt vor allem von Rahners „Hörer des Wortes“ – über die transzendentale Thomasdeutung der Maréchal-Schule entwickelt. Ich bin damit sehr früh in Kontakt gekommen, noch vor dem Studium. Nun, wenn man so beginnt, dann stösst man zunächst sehr rasch auch auf die anderen Freiburger (Max Müller, J.B. Lotz, Gustav Siewerth, auch Bernhard Welte). Und wenn man einmal bei Siewerth ist, dann ist man sehr schnell auch bei Ulrich. Von diesem Ausgangspunkt war das eigentlich eine völlig „natürliche“ Entdeckung… Also einmal ging der Weg wirklich über die Erneuerung metaphysischen Denkens bei diesen Denkern. Aber auch andere Autoren, die mir teuer waren (wie der schon genannte Jörg Splett) sprachen mit höchstem Respekt von Ferdinand Ulrich. Das MUSSTE mich einfach interessieren…. (Aber auch schon damals war man mit solch einer „Denke“ ziemlich allein).

Welche Bedeutung hat Ferdinand Ulrich für Ihr eigenes wissenschaftliches Arbeiten?
Ich bin mir bewusst, dass mein anderer Held Gustav Siewerth über Maréchal und seine Schule zwar mit Respekt, aber doch kritisch gesprochen hat. Ich habe aber zwischen dem transzendentalen Thomismus einerseits und der Thomasdeutung, die sich im Werk von Gustav Siewerth und Ferdinand Ulrich andererseits findet, nie einen ausschließenden Gegensatz gesehen, sondern eine – notwendige und tiefe – ERGÄNZUNG. Der (aufsteigende) Ansatz beim Dynamismus des Geistes scheint mir immer noch treffend. Für mich war aber der entscheidende Schritt zu Siewerth und Ulrich die Entdeckung, dass dieser gute Anweg sozusagen irgendwann einmal die Bewegungsrichtung ändern muss: Von oben nach unten betrachtet zeigt sich der Dynamismus des Geistes als Geschehen der Teilhabe. Ulrich hat das noch über Siewerth hinaus dann wieder anthropologisch vertieft. Lässt man sich auf diese Bewegung ein, dann kommt man in eine sich dauernd vertiefende Theo-anthropologische Spirale hinein…. (die aber kein circulus vitiosus ist!).

Wo könnte Ihrer Meinung nach ein Schwerpunkt in der Ferdinand-Ulrich-Forschung in den kommenden Jahren liegen?
Bei allem Ringen um das Wort, bei aller kreisend-kontemplativen Bewegung, bei aller zunächst außerordentlichen spekulativen Schwierigkeit, halte ich Siewerth wie Ferdinand Ulrich für außerordentlich genaue Denker, die, richtig gelesen, jede Konfrontation aushalten. Selbst bin ich – in Ergänzung der „spekulativen Ader“ – auch an Logik, dem sog. analytischen Thomismus, überhaupt an der neuen fruchtbaren Diskussion klassischer ontologischer, metaphysischer und religionsphilosophischer Fragen im Bereich der analytischen Philosophie interessiert. Zugleich fasziniert mich einerseits die sog. „Neue Anthropologie“ – besonders das Werk von Helmut Plessner, das ja gerade eine große Renaissance erlebt – als auch die Feststellung, dass Siewerth und Ulrich Teilhabe denken in der Zeit als historisch orientierte Thomasforschung (Louis-Bertrand Geiger op und der – leider allzu polemische – Cornelio Fabro) die Metaphysik der Partizipation als den über Jahrhunderte übersehenen Kern des thomanischen Denkens historisch wiederentdecken. MEINE ÜBERZEUGUNG IST: ZWISCHEN ALLEN GENANNTEN STRÖMUNGEN IST HEUTE EIN FRUCHTBARES GESPRÄCH MÖGLICH UND NOTWENDIG. IN DIESEM GESPRÄCH ERSCHLIESST SICH AUCH DER ZUGANG ZUM DENKEN VON FERDINAND ULRICH UND GUSTAV SIEWERTH. UND IHR ÜBERRAGENDER RANG WIRD DEUTLICH. (Tatsächlich gehören für mich die beiden mit beispielsweise Maurice Blondel und ganz wenigen anderen in die absolute Spitzengruppe christlicher Philosophen im 20. Jhdt.)

Haben Sie Interesse an Vernetzung und wissenschaftlichem Austausch über Ferdinand Ulrichs Werk? In welcher Weise könnte diese Ihrer Meinung nach am besten stattfinden?
Ich bin an jeder Form von wissenschaftlichem Austausch über das Werk von Ferdinand Ulrich auf lebhafteste Weise interessiert – sehr gerne auch online.

Martin Brüske
am 12. Juli 2024