Auf den Spuren von Ferdinand Ulrich
Im August war eine kleine Reisegruppe auf den Spuren von Ferdinand Ulrich unterwegs. Die Exkursion führte die Gruppe rund um Christoph Sperling und Marta Pavlíková an die Orte von Ulrichs Kindheit in der Region Mähren, von wo er mit seiner Mutter als 15-Jähriger vertrieben wurde.
Auf Initiative von Pfr. Christoph Sperling und Br. Brian Thomas OFMCap fand sich eine kleine Reisegruppe zusammen, die vom 10. bis 14. August 2026 eine Exkursion nach Fulnek und Umgebung machte, um gemeinsam die Orte zu besuchen, an denen Ulrich seine ersten, sehr prägenden Lebensjahre verbrachte. Durch eine sehr schöne Fügung schloss sich ihnen auch Marta Pavlíková an, die Ulrich nicht nur persönlich kannte, sondern auch wie er aus dieser Gegend stammt.
Eines der Ziele war der Geburtsort von Ferdinand Ulrich. Er wurde am 23. Februar 1931 in Odry/Odrau, einem kleinen Ort in der ehemaligen Tschechoslowakei, der heutigen Tschechischen Republik geboren. Der Ort, der ca. 30 km von der Quelle der Oder entfernt liegt und dessen Name von „Au an der Oder“ kommt, hat auch heute noch ein Krankenhaus. Es steht am selben Ort wie das damalige „Fürstenbergische Krankenstift“, in dem Ulrich zur Welt kam. Hier wurde er auch getauft.
Sein Geburtsort ist ca. 10 km entfernt von dem Ort Fulnek, wo Ulrich aufwuchs und wo er laut seinen Erzählungen eine wunderschöne Kindheit verbrachte. Sein Elternhaus am Stadtplatz von Fulnek steht nicht mehr, jedoch wurde die Häuserreihe nach dem Krieg wieder aufgebaut. Vor diesen Häusern findet man heute auch sogenannte Stolpersteine, die an seine früheren jüdischen Nachbarn erinnern. Zu ihnen und vielen weiteren Personen und Geschehnissen aus Ulrichs Kindheit finden sich viele Erzählungen in dem Buch von Christoph Sperling „LIEBE UMSONST. Biographische Skizzen zu Ferdinand Ulrich“. Diese wurden beim Besuch der einzelnen Orte lebendig: zum Beispiel am Brunnen des Stadtplatzes, wo Ulrich schon als kleiner Junge stundenlang saß und der Stille lauschte, oder bei einer kleinen Grotte in der alten Schlossmauer, die vermutlich die Höhle war, in der er sich als Kind zum Nachdenken über Leben und Tod zurückzog. Besonders eindrucksvoll war auch das halb verfallene Kapuzinerkloster in Fulnek und die dortige Rotunde (Rundkirche), wo Ulrich das Rosenkranzgebet lernte.
Von Fulnek fuhr Ulrich mit dem Zug zur Schule in das knapp 20 km entfernte Nový Jičín/Neutitschein. Auf seinem Schulweg dorthin musste er in Suchdol nad Odrou umsteigen. Der dortige Bahnhof – auf der Bahnstrecke zum ca. 130 km entfernten Ausschwitz – ist der Ort, an dem Ulrich das erste Mal die Verbrechen des Nationalsozialismus zu Gesicht bekam. Der Bahnhof ist noch so erhalten, wie er damals war, und zeugt von den schrecklichen Geschehnissen, die Ulrich als Schüler miterleben musste.
Als dann die Rote Armee anrückte, musste Ulrich mit seiner Mutter ins 60 km entfernte Olomouc/Olmütz fliehen. Dort wurden sie von einem tschechischen Ehepaar aufgenommen und im Keller versteckt. Durch viele glückliche Fügungen und die Hilfe von Tschechen wurden sie vor dem Abtransport ins Arbeitslager verschont und kamen zurück nach Fulnek, wo sie Unterschlupf bei Freunden fanden und wo seine Mutter dann als Trümmerfrau arbeitete, bis sie 1946 aus ihrer Heimat Fulnek vertrieben wurden.
Zu einer sehr schönen Begegnung während der Reise kam es mit einer Gruppe von jungen Müttern in Nový Jičín/Neutitschein. Nach einem zufälligen Treffen luden sie die Reisegruppe für einen gemeinsamen Abend ins Pfarrhaus ein, da sie mehr von Ferdinand Ulrich, von seiner Vertreibung und von seiner Philosophie erfahren wollten. Besonders berührt waren sie von der Geschichte, die oben bereits anklang, wie Ulrich und seine Mutter auf ihrer Flucht nach Olomouc/Olmütz Zuflucht fanden: Nachdem die beiden durch einen Graben und ein Betonrohr gekrochen waren, kamen sie zu einem Haus, aus dessen Keller sie Leute auf Tschechisch Rosenkranz beten hörten. Sie klopften und fanden das tschechische Ehepaar, die unter Einsatz ihres Lebens bereit waren, sie zu verstecken und die in ihrem Keller auch bereits seit Jahren einem Juden Unterschlupf gewährten.
So gilt Christoph Sperling nicht nur ein großer Dank für diese eindrucksvolle Reise, sondern vor allem auch für seinen großen Einsatz dafür, dass Ulrichs Leben in vielen Bildern und Geschichten dokumentiert ist. PS: Sein Buch wurde vor Kurzem ins Italienische übersetzt und ist seit diesem Monat im LAS Verlag erhältlich (nähere Informationen dazu).

Reisegruppe in Fulnek, Quelle: Ferdinand-Ulrich-Archiv


