Bericht über das Philosophische Forum in Dießen am Ammersee

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Aktuelles | Andrea Schwemmer

Von 25. bis 27. September 2026 fand ein „Philosophisches Forum“ in Dießen am Ammersee statt. Prof. Dr. Manuel Schlögl nahm daran teil und hielt einen Vortrag über „Freiheit und personale Selbstwerdung bei Ferdinand Ulrich“. Im Folgenden ein kurzer Bericht von ihm.

In Dießen befindet sich das Evangelisationszentrum „Petrus Canisius“, das vom Säkularinstitut der Cruzadas de Santa Maria getragen wird. Neben Exerzitien für Priester und Mitglieder der Gemeinschaft werden dort jedes Jahr Tagungen zu pädagogischen, theologischen und medizinethischen Fragen für alle Interessierten angeboten. Durch gemeinsames Gebet, Eucharistiefeiern und Ausflüge entsteht ein lebendiger Austausch auch über die fachlichen Diskussionen hinaus.

In diesem Jahr stand das Philosophische Forum unter dem Titel „Grenzenlos frei? Fürchtet sich der moderne Mensch vor Verantwortung?“ und sollte einen Überblick über wichtige Denker der Freiheit in christlicher Sicht geben wie auch Licht auf aktuelle Probleme einer freien Gesellschaft werfen. Studierende und Dozierende der Philosophie stellten auf durchwegs hohem Niveau das Freiheitsdenken von Augustinus, Bonaventura, Immanuel Kant, Romano Guardini, Edith Stein und Dietrich von Hildebrand vor. Weihbischof Juan Antonio Martínez Camino, der eigens aus Madrid angereist war, ordnete die gegenwärtigen Forderungen nach dem frei wählbaren Geschlecht in eine von ihren Wurzeln in der Offenbarung losgelöste Anthropologie ein und zeigte, dass sich eine scheinbar unbegrenzte menschliche Freiheit am Ende selbst aufhebt und dadurch Freiheit innerhalb der Gesellschaft gerade nicht fördert, sondern gefährdet.

Ferdinand Ulrichs Denken der Freiheit als Gabe vor dem Hintergrund eines Verständnisses des Seins als „Liebe umsonst“ schloss erstaunlich gut an die vorausgehenden Vorträge an. Beim Hören und Diskutieren wurde deutlich, dass Ulrich zum einen die Entwürfe der christlichen Tradition zum Freiheitsthema wie Augustinus und Bonaventura (bei ihm natürlich noch zu ergänzen um Thomas von Aquin) aufgreift und kenntnisreich miteinander verbindet, sie aber zugleich öffnet für neuzeitliches Denken, wie es auf vergleichbare Weise auch sein Lehrer Guardini versucht hat.

Der Gabe-Charakter der Freiheit betont die Notwendigkeit der persönlichen Aneignung, wie Ulrich es in seiner Auslegung des biblischen Gleichnisses von den Talenten verdeutlicht; denn von Gabe lässt sich ja nur sprechen, wenn sie angelegt ist auf den freien Akt des Empfangens. Gleichzeitig ist im fortwährenden Gabe-Geschehen Gott als Geber auf verborgene Weise gegenwärtig. So kann echte menschliche Freiheit als Zusammenspiel von göttlichem und menschlichem Ja, von Gnade und Natur, von Wahrheit und Geschichte erschlossen werden.

Obwohl Ulrich Kants Philosophie ausdrücklich kaum rezipiert hat, bietet er mit seinem schon bei den Kirchenvätern bezeugten Verständnis von Freiheit als „Selbstvermögen (autexousia, Maximus Confessor)“, das Selbstwerdung als Vollzug von Selbstempfängnis und Selbstannahme aus der Hand des göttlichen Gebers plausibel macht, einen alternativen Entwurf zu einem reinen Autonomie-Denken, der die von Kant weitgehend ausgeblendete relationale, dialogische Dimension von Freiheit stark macht. Lohnenswert wäre sicher auch ein Vergleich von Ulrich mit Edith Stein und Dietrich von Hildebrand, die beide auf je unterschiedliche Weise Themen der klassischen Metaphysik mit neuzeitlichen Fragestellungen verknüpft und so einen wichtigen Beitrag zu einer genuin christlichen Anthropologie und Wert-Philosophie geleistet haben.

Wir stehen, so zeigte die Tagung den etwa 40 Teilnehmenden wieder neu, in unserer Gegenwart wie Zwerge vor den geistigen Riesen der christlichen Denkgeschichte. Doch wenn wir demütig und geduldig genug sind, können wir auf ihre Schultern klettern und von dort aus weiter sehen und weiter denken als andere.

Prof. Dr. Manuel Schlögl
am 5. Oktober 2026

Prof. Dr. Manuel Schlögl bei seinem Vortrag über Ferdinand Ulrich, Quelle: Evangelisationszentrum Petrus Canisius