Florian Pitschl zur Ulrich-Forschung
In der bereits angekündigten neuen Beitragsreihe zur Ulrich-Forschung kommen Personen zu Wort, die sich mit der Philosophie von Ferdinand Ulrich beschäftigen und ihre Antworten auf die ihnen gestellten Fragen mit uns teilen. Den Auftakt macht Florian Pitschl aus Brixen.
Prof. em. Dr. Florian Pitschl ist Priester der Diözese Bozen-Brixen. Er studierte bei Ferdinand Ulrich und erlangte 1978 das Doktorat der Philosophie in Regensburg. Später wurde er Professor für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen und unterrichtete als Gastdozent am Seminar Redemptoris Mater in Berlin. Er war mehrere Jahre Spiritual des Brixener Priesterseminars und wurde 2021 zum Kanoniker am Brixener Dom ernannt.
Im Folgenden die Antworten von Florian Pitschl:
Welche Bedeutung messen Sie dem Werk von Ferdinand Ulrich zu?
Die erste schriftlich vorliegende Arbeit von F. Ulrich trägt den Titel: „Sein und Wesen. Spekulative Entfaltung einer anthropologischen Ontologie“ (1954). Diesen Titel kann man auch als Leitmotiv von Ulrichs Denken lesen. In der gegenwärtigen Krise des Selbstverständnisses des Menschen gewinnt Ulrichs Werk wegweisende Kraft, die Krise als Krisis zu bestehen und geläutert zu einer neuen Identität zu gelangen, die sich nicht in der Immanenz und der horizontalen Unendlichkeit erschöpft.
Wie haben Sie persönlich den Zugang zu Ulrichs Werk gefunden?
Zwei Titel waren es vor allem, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen: „Atheismus und Menschwerdung“ und „Der Mensch als Anfang. Zur philosophischen Anthropologie der Kindheit“, die beide während der Zeit meines Philosophiestudiums Ende der sechziger Jahre erschienen und im Titel selbst brennende Fragen aufgriffen, die viele Studierende, auch mich, bewegten. Ein erneuter und vertiefter Zugang zu Ulrichs Werk war dann die Begegnung mit ihm in den Seminaren an der Universität Regensburg, in denen er sich im Dialog als „echter Sokrates“ erwies.
Welche Bedeutung hat Ferdinand Ulrich für Ihr eigenes wissenschaftliches Arbeiten?
In den philosophischen und theologischen Auseinandersetzungen der Gegenwart ist Ulrichs Denken eine Lichtquelle, die viele Dunkelheiten und Grauzonen aufhellt und die Unterscheidung schärft, wenn es darum geht, wie Ulrich mit eigenen Worten im Vorwort zum „Homo Abyssus“ sagt: „die Auseinandersetzung von der Sache her zu führen, den Irrtum zur Verdeutlichung der Wahrheit dienstbar zu machen und damit auch dem Irrenden ehrlich zu danken…, wird doch gerade am Unwesen und in der Verschuldung des Irrtums das je größere Maß der ihn vorweg ermöglichenden Wahrheit und Liebe offenbar“ (S. 4).
Wo könnte Ihrer Meinung nach ein Schwerpunkt in der Ferdinand-Ulrich-Forschung in den kommenden Jahren liegen?
Ausgehend vom Werk „Der Mensch als Anfang“ könnte Ulrichs Schau vom Menschen aus seinem Ursprung vertieft und ins Gespräch mit den postmetaphysischen Anthropologien gebracht werden. Von dort aus würde sich zeigen, wie weit eine Metaphysik der Wiederholung neu entfaltet und der „verlorene“ Anfang des Menschen wiedergewonnen werden könnte.
Haben Sie Interesse an Vernetzung und wissenschaftlichem Austausch über Ferdinand Ulrichs Werk? In welcher Weise könnte diese Ihrer Meinung nach am besten stattfinden?
Dem wissenschaftlichen Austausch würde es meines Erachtens dienlich sein, wenn alle in Zeitschriften und Sammelwerken veröffentlichten Artikel Ferdinand Ulrichs ins Internet gestellt würden. Darüber hinaus wäre zu überlegen, wie weit es wichtig ist, dass einiges vom schriftlichen, unveröffentlichten Nachlass in Buchform erscheint. Für den Austausch über Ferdinand Ulrichs Werk scheinen mir über die Online-Formate hinaus gelegentliche, internationale Tagungen, bei denen die Teilnehmer persönlich anwesend sind, sehr wertvoll zu sein.
Florian Pitschl
Brixen am 24. Mai 2024.



